Samstag, 5. September 2015

(Kurzgeschichte) Fancy

Diese Kurzgeschichte stammt aus dem 8. Monat meines Schreibstudiums.

Fancy

Meine Hände waren eiskalt, aber das störte mich nicht. Ich war gern draußen. Über mir war ein einfaches Plastikdach und hinter mir der weißrot gestreifte Stoff, der im kühlen Wind herum zappelte. Der Markt war belebt, überall Menschen. Ich fühlte mich gut, denn ich dachte an später. Da würde ich meine Freundin treffen. Sie war mein Sonnenschein. Der Winter nahte, und dennoch kamen die Leute auf den Markt um hier ihr Gemüse und Obst zu kaufen. Von einem Tag auf den anderen veränderte sich mein Leben, dass ich so wunderbar in den griff bekommen hatte. Der Wind erschien mir plötzlich wie eine Woge aus Eiszapfen, als ich meinen Bruder aus heiterem Himmel vor mir stehen sah. Mein Bruder Ethan war sechzehn Jahre alt - zwei Jahre jünger als ich. Und dennoch war er so bedrohlich. Mit eisigen Augen und einem provokativen Grinsen blickte er mich an.

„Ich hätte gern eine Apfelsine“, sagte er und zeigte auf die Apfelsinen zu seiner Rechten, ohne den Blick von mir zu nehmen. Ich zögerte eine Sekunde, nahm verunsichert eine Apfelsine und reichte sie ihm zitternd. Er nahm sie entgegen. Mein Bruder sah sich die Apfelsine oberflächlich an, drehte sie demonstrativ in seiner Hand herum und gab sie mir zurück. „Die passt besser zu dir, diese pickelige Frucht, wie die Haut eines ängstlichen Gör, dass vollkommen nackt draußen im Schnee stehen muss.“

Ich erinnerte mich … Ein beißendes und zermürbendes Gefühl kam auf, dass ich seit einigen Jahren versuchte zu verarbeiten. Plötzlich kam er mit einem mal um den Stand herum gelaufen. Panisch stolperte ich einige Schritte zurück. Immer noch hatte er dieses provokative Grinsen im Gesicht und seine frostigen Augen starrten mich an. Ich prallte gegen meinen Chef und dreht mich erschrocken zu ihm um. Er blickte in meine wässrigen Augen, sah zu dem Fremden hinüber und wieder zu mir. „Bitte gehen Sie. Sie machen ihr Angst.“

Mein Chef baute sich schützend vor mir auf, woraufhin sich mein Bruder grinsend zurück zog und in der Menge verschwand. Jetzt spürte ich meinen schwachen Körper. Die Starre ging in ein unkontrolliertes Zittern über. Bilder schossen mir durch den Kopf, stumme Schreie blieben in meinem Hals stecken. Ich hörte meinen Chef auf mich einreden und spürte wie meine Lippen Worte formten, hörte mich jedoch nicht. Und doch war es so laut in meinem Kopf. Dann sah ich wie mein Chef telefonierte. Keine Stunde später kam meine Freundin zu mir und beruhigte mich. Zuhause angekommen, telefonierte ich mit meiner Therapeutin. Das Sprechen mit ihr, half mir immer wieder meine Mitte zu finden. Sie kam auf eine Idee und erzählte mir davon. Ich gab den Hörer an meine Freundin weiter, denn sie wollte etwas mit ihr besprechen. Der nächste Tag auf dem Markt verlief ohne Zwischenfälle. Auf dem Weg nach Hause lauerte mir Ethan allerdings auf. Er musste mir gestern gefolgt sein, denn er fing mich direkt vor meiner Haustür ab. Er kam so nah an mein Gesicht heran, dass ich seinen Atem spüren konnte. Er griff nach mein Handgelenken und hielt sie mit verbissener Brutalität fest. Ich war wie Wackelpudding in einer Porzellanschale – weich und von einer starren Mauer umgeben, die sich kein Zentimeter rührte. Ich fing an zu zittern und das Tosen in meinem Kopf wurde lauter. Ich musste durchhalten! Er flüsterte mir etwas ins Ohr, dass ich nur zur Hälfte verstand. Mein Säuseln wurde lauter. Jetzt hörte ich ihn gar nicht mehr, sondern nur noch fremde Worte die meinen Mund verließen. Es hörte sich an, als würde jemand anderes das sagen. Das verletzte, kleine Mädchen aus meiner Vergangenheit bettelte um Gnade, flehte ihn an und entschuldigte sich unentwegt.

„Würdest du doch endlich dein verdammtes Maul halten.“

Und dann passierte alles ganz schnell. Ich sah die Männer in Uniform und hörte das Klicken von Handschellen. Ethans Blick, den er mir zuwarf, als er sich in das Polizeiauto setzte, traf mich jedoch nicht mehr. Das kleine Mädchen stand nun neben mir. Ich hielt es fest an meiner Hand, wie die Mutter ihr Kind beschützend halten würde.
„Gut gemacht Fancy! Es lief alles wie geplant. Du warst sehr mutig! Er wird dir nie wieder etwas antun können. Er kommt in eine geschlossene Anstalt und wird den Rest seines Lebens dort verbringen. Unser Plan war gewagt, aber es hat geklappt“, sagte meine Freundin, die hinter mir stand.
Gedankenversunken schaute ich auf die Straße mit dem winzigen Auto und dem winzigen Gesicht, dessen eiskalte Augen immer kleiner wurden.

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